So, Und, Ob, Aber

DeaconSo heißt ein Buch des britischen Bildhauers Richard Deacon: So, And, If, But. Im Vorwort steht, der Titel „bezeichnet Scharniere, die in seinen Texten Substantive und Verben artikulieren und dadurch zu Sätzen werden lassen. Die vier Konjunktionen haben sowohl linguistische, strukturelle wie skulpturale Bedeutung…“.

Für mich ist das Buch ein Schatz, weil es die Kraft der Kunst in sich trägt. Die Kraft der Kunst ist wiederum ein Titel: von Christoph Menke (siehe weiter unten). Die Koinzidenz der beiden Bücher ist wie eine Kollision auf meinem Schreibtisch. Der Zusammenprall setzt eine Menge Energie frei. Warum so kleine Worte wie so, und, ob, aber mich in eine Euphorie versetzen, die frei nach Nietzsche einem „Rausch“ gleicht, will ich versuchen darzulegen.

Richard Deacon

Bevor ich das Buch finde, kenne ich Richard Deacon nicht. Das Buch entdecke ich im Museumsshop der Bundeskunsthalle in Bonn. Eine aktuelle Ausstellung Deacon´scher Werke gibt es nicht, aber die Sammlung hier hat mir schon immer gefallen, außerdem habe ich einmal in der Nähe gewohnt und bin es noch gewohnt, hier zu stöbern und zu finden. In der Biografie lese ich: Er lebt und Gesichtarbeitet in London und Köln. Ein regional rheinischer Bezug. Seine Werke sind Kuben und Monumente (hauptsächlich) aus Metall.

Was Deacon auch macht: er schreibt über das, was er sieht und tut. Zum Beispiel in „Ins Gesicht“ von 1988. „Vor etwa sieben Jahren lief ich einer Frau über den Weg, die ständig Folgendes vor sich hinsagte: „Das hat er mir nie ins Gesicht gesagt.“ Ich weiß nicht, welche Verzweiflung sie dazu trieb, auf offener Straße laut vor sich hinzureden. Ich dachte mir, dass sie – so, wie sie sprach – die Passanten immer wieder auf das aufmerksam machte, was „er“ ihr nicht ins Gesicht gesagt hatte. Zwar könnte man „mir“ statt „ins Gesicht“ sagen, doch dann wäre die Aussagekraft beeinträchtigt. „Gesicht“ ist ein stärkerer Signifikant als „mir“….“ (108)

Deacon erschafft mit diesen Worten ein Werk für sich, ein Vorwerk oder Parallelwerk, kein Beiwerk. Es geht um Bedeutungsebenen und Ausdrucksnuancen, Rohstoff aus Worten und minimalistische Deutungen. Es bilden sich eiserne Fächer daraus – just like in his iron work.

So, Und, Ob, Aber

Für einen Bildhauer, der seinem Buch diesen Titel gibt, haben diese Konjunktionen plastische Bedeutung. „Mit „So“ beginnt alles, mit dem Gestus der Präsentation, der eine Anzahl von Dingen auf den Tisch legt.“ (Vorwort Dieter Schwarz). „So“ ist in der Tat kräftig. Es wirkt entschlossen, selbstbewusst oder kann Selbstbewusstsein vortäuschen. So öffnet Situationen wie Schlüssel.

Und ist das verbindende, Ob das abwägende und Aber das widersprechende Moment. Alles starke und alles entscheidende Wendungen. Ich bewundere ihre Schlichtheit.

Die Kraft der Kunst

MenkeChristoph Menke geht in diesem Buch der Prämisse auf den Grund, „dass der menschliche Geist im Widerstreit von ästhetischer Kraft und vernünftigem Vermögen besteht.“ Dazu stellt er sieben Thesen auf … von der die siebte lautet: …“die Kunst ist kein Teil der Gesellschaft – keine soziale Praxis. (…) Die Kunst ist vielmehr das Feld einer Freiheit nicht im Sozialen, sondern vom Sozialen.“(14)

 Im Buch wird erklärt, warum Kunst uns ergreift – als diejenigen, die sie schaffen und als diejenigen, die sie rezipieren, betrachten, erfahren. Die sieben Thesen sind simpel und komplex in einem. Das „Schöne“, das es nicht gibt bzw. subjektiv ist bzw. das Subjekt, das seine Subjektivität überwindet. Wer die Kraft der Kunst kennt, kann ihr nicht widerstehen. Sie lässt alles offen und ist mehr als nur Betrachtung. Sie kann Glück sein. Glück.

So, Und, Ob, Aber

Taube… kann ich ohne weiteres zum Motto meines Jahres erklären:

So, los geht`s.
Und immer schön locker bleiben.
Ob wir das wohl schaffen?
Aber ja doch.

Oder so ähnlich. Die Kraft der Kunst wird es richten.

 

Quellen:
Richard Deacon, So. And, If, But. Schriften 1970 -2012, herausgegeben von Dieter Schwarz, 2014

Christoph Menke, Die Kraft der Kunst, Berlin 2014

Lebensgeister aufgewacht!

Autobiografie von Gabriele Daum
Schwarz ist Gold

Die dunklen Seiten der Seele zu kennen ermöglicht das Gold glänzen zu sehen – so würde ich den Titel dieses autobiografischen Buches deuten. Der Untertitel – Vom Glück Alkoholikerin zu sein – verrät, worum es geht. Bei der Lektüre wird schnell klar: Es geht um viel mehr. Um eine traumatisierte Seele, eingeschlossen tief im Innern der Autorin Gabriele Daum als Kind, als Jugendliche, als junge Frau und als Erwachsene. Um Sucht in vielen Facetten: Alkohol, Medikamente, Magersucht, Beziehungsabhängigkeiten. Gabriele Daum befreit ihre Seele, doch es dauert Jahrzehnte, bis sich ein von Sucht ungefährdetes Glück einstellt.

Dass sie es überhaupt schafft, verdankt sie nach eigener Einschätzung einer tief in ihr schlummernden „Urkraft, die niemals stirbt, die in ihrem Kern gesund (…) ist“. An diese Kraft zu glauben, sie zu aktivieren und nicht aus den Augen zu verlieren trotz aller Rückfälle und Misserfolge – davon handelt das Buch. Es ist ein Mutmachbuch für alle, die vielleicht nicht daran glauben, dass man sich aus scheinbar auswegloser Dunkelheit ins Licht bewegen kann.

Die Muster der Abhängigkeit

Die Zwölfjährige, schockiert vom Unfalltod ihres Bruders, findet keinen Trost bei ihrer suchtkranken Mutter, sondern genau die Muster, die sie in schwere Abhängigkeiten führen. Ersticken kann sie ihre Einsamkeit mit Medikamenten: Hustensaft, Schmerzmittel, Schlaftabletten. Dazu kommt Alkohol und der Wunsch zu sterben. Sie überlebt ihre Suizidversuche, gerät aber immer wieder in den Sog der Betäubung. Fluchtversuche nach innen folgen Bemühungen, ihr Leben komplett zu ändern: Mit 26 verlässt sie Deutschland für eine Karibikinsel, um ein neues Leben zu beginnen. Der Vorsatz scheitert bereits am ersten Abend. Nach einem halben Jahr ist das neue Leben zu Ende und Gabriele wieder in Deutschland. Therapien, Psychologen, Entzug, Diagnosen, Behandlungen, Selbsthilfegruppen. Die junge Frau gibt nicht auf. Bei den Anonymen Alkoholikern schafft sie schließlich den endgültigen Entzug. Sie hat einen Job, eine Wohnung, ein normales Leben. Doch das Glück will sich nicht einstellen.

Also nochmal von vorn: Sie beginnt konsequent, ihre Seele freizuschaufeln. Macht eine mehrjährige Ausbildung zur Körperpsychotherapeutin, schöpft aus ihrer eigenen Erfahrung und wächst. Entwickelt sich. Sieht das erste Gold glänzen. Am Ende des Buchs – Jahrzehnte sind vergangen – ist Gabriele Daum nicht am Ziel, denn sie beschreibt ihr Leben als ständige Entwicklung. Die dunklen Seiten bleiben schwarze Narben und ziehen dann und wann. Doch sie kennt jetzt das Goldgefühl.

Schwarz und Gold – zwei Seiten einer Medaille

Als Leserin erscheint mir diese Entwicklung wie ein kleines Wunder. Erschüttert und beklommen lese ich mich durch die Süchte, sehe keinen Ausweg. Der rote Faden ist der schwach glimmende Lebenswille, er scheint immer wieder kurz durch und macht weitere Schritte möglich. Sie hat es geschafft, sich ihr eigenes Leben zurückzugeben. Ich habe Gabriele Daum kurz persönlich kennengelernt. Ihre liebenswerte und offene Ausstrahlung lässt nicht vermuten, was sie in ihrem Buch preisgibt. Es erfordert großen Mut, sich derart zu offenbaren. Ihre Autobiografie hat viele Schichten und ich lege sie allen aufmerksamen Leser/innen ans Herz.

Gabriele Daum, Schwarz ist pures Gold, Vom Glück Alkoholikerin zu sein, Books on Demand 2015, 14,90 Euro.

OPEN 24 Doors (16): Gesundheit aus dem Kochtopf

Karin Schuller ist Spezialistin für ayurvedische Kochkunst. Sie berät, wie wir über die Ernährung Gesundheit und Zufriedenheit finden. In Seminaren und Kursen zeigt sie uns die Kraft der Kräuter. Sie kocht für Gruppen und Feste – so wie neulich, als ich in den Genuss eines ayurvedischen Abendessens kam, von dem meine Geschmacksknopsen heute noch schwärmen. Gesundheit aus dem Kochtopf in Oberkassel, fast schon in Königswinter.

Königswinter Vine-Advents-Kalender

In guter Tradition öffnen wir in den nächsten 24 Tagen jeden Tag eine Tür – eine Tür in der Königswinterer Geschäfts-, Café- und Ladenwelt: im Vine („Wein“) Kurzfilmformat. (#vineadventskalender)

*für den Ton und weitere Informationen bitte in das Video klicken.

Ein herzliches Dankeschön an die freundlichen Begegnungen und die große Bereitschaft, mich bei diesem vorweihnachtlichen Filmprojekt zu unterstützen.